Maria Lassnig und das Körpergefühl: Die Kunst der inneren Wahrnehmung
„Ich male nicht den Körper, ich male das Gefühl, das im Körper ist.“ Dieser Satz der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig fasst das revolutionäre Kernkonzept ihres Lebenswerkes zusammen. In einer Welt, die von äußeren Bildern und Idealen dominiert wird, lenkte Lassnig den Blick nach innen. Ihr Werk ist eine lebenslange Erforschung der subjektiven Körperempfindung – ein Thema, das heute, im Zeitalter von Körperpositivität und Selbstakzeptanz, eine ungeahnte Aktualität besitzt. Dieser Artikel taucht ein in die Welt von Maria Lassnigs „Körperbewusstseinsmalerei“ und beleuchtet, warum ihre radikale Innenschau für unser heutiges Verständnis von Körper, Identität und Selbstwert so wegweisend ist.
Maria Lassnig: Eine Pionierin der Körperwahrnehmung
Maria Lassnig (1919–2014) zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen Österreichs und des 20. Jahrhunderts. Ihr Schaffen durchbrach konventionelle Darstellungsweisen und etablierte einen völlig neuen, introspektiven Zugang zur Figuration. Statt den menschlichen Körper als äußere, objektiv betrachtbare Form zu malen, wurde er für sie zum Medium, um innere Zustände sichtbar zu machen.
Die Entstehung des „Körpergefühls“
In den 1940er und 1950er Jahren, geprägt von den Stilen der Moderne, begann Lassnig, sich von der rein äußeren Abbildung zu lösen. Sie entwickelte das Konzept der „Körperbewusstseinsmalerei“ („body awareness paintings“). Dabei schloss sie die Augen und konzentrierte sich ausschließlich auf die physischen Empfindungen in ihrem Körper: den Druck der Sitzfläche auf den Stuhl, die Spannung in den Schultern, das Pulsieren des Blutes oder das Gefühl der eigenen Körpergrenzen. Diese inneren, oft unangenehmen oder schmerzhaften Wahrnehmungen wurden zum alleinigen Gegenstand ihrer Kunst. Es ging nicht um Schönheit, sondern um Authentizität.
Kunsthistorische Einordnung und feministischer Impuls
Lassnig war eine Vorreiterin, die lange vor der Entstehung der feministischen Kunstbewegung im deutschsprachigen Raum arbeitete. In einer männlich dominierten Kunstwelt beharrte sie auf der Autorität der weiblichen Erfahrung. Ihre Bilder thematisieren oft die Alterung des weiblichen Körpers, Verletzlichkeit und Kraft – Themen, die damals kaum Beachtung fanden. Sie war Mitbegründerin der „Frauenkunst“ und setzte sich zeitlebens für die Sichtbarkeit von Künstlerinnen ein. Ihre späte, aber umso triumphalere internationale Anerkennung gipfelte 2013 in der Verleihung des Goldenen Löwen der Biennale Venedig für ihr Lebenswerk.
Das Konzept „Körpergefühl“ bei Maria Lassnig erklärt
Das „Körpergefühl“ bei Lassnig ist kein modischer Begriff, sondern eine radikale künstlerische Methode und Weltsicht. Es bezeichnet die unmittelbare, subjektive Wahrnehmung der eigenen physischen Existenz von innen heraus.
Von innen nach außen: Die Umkehrung der Perspektive
Während die klassische Porträt- und Aktmalerei den Körper als Objekt von außen betrachtet, kehrt Lassnig diese Perspektive um. Der Betrachter ihres Werkes sieht nicht einen Körper, sondern blickt gewissermaßen *aus* einem Körper heraus. Die Darstellungen sind oft verzerrt, die Proportionen verschoben, die Farben expressiv. Eine Hand kann überdimensional groß sein, wenn sie als „spannend“ empfunden wird; der Kopf kann schrumpfen, wenn die Aufmerksamkeit auf den Unterleib gelenkt ist. Diese Malerei ist ein direkter Übersetzungsversuch von Gefühl in Form und Farbe.
Körpergefühl versus Körperbild
Hier liegt der entscheidende Unterschied: Das *Körperbild* ist das, was wir im Spiegel sehen oder was uns durch Medien vermittelt wird – es ist extern, oft idealisiert und mit Bewertungen belegt. Das *Körpergefühl* im Sinne Lassnigs ist dagegen das unmittelbare, wertfreie Erleben: Wärme, Kälte, Enge, Schwere, Leichtigkeit, Schmerz. Ihre Kunst befreit den Körper vom Diktat des Aussehens und feiert stattdessen die Vielfalt des inneren Erlebens. In einer von optischen Perfectness geprägten Zeit ist diese Botschaft befreiend und relevant.
Die Aktualität von Lassnigs Körpergefühl in Mode und Gesellschaft
Maria Lassnigs Werk bietet einen tiefgründigen philosophischen Rahmen für aktuelle Debatten um Mode, Körperkultur und Selbstakzeptanz. Während sich die Modebranche oft an idealisierten Körperbildern orientiert, bietet Lassnigs Ansatz einen Weg zurück zum individuellen Empfinden.
Mode als Ausdruck des inneren Gefühls
Die konsequente Frage nach Lassnigs Vorbild wäre nicht „Was steht mir?“ im Sinne einer äußeren Optik, sondern „Wie fühle ich mich darin?“. Kleidung, insbesondere körpernahe Stücke wie Dessous, wird so zu einer zweiten Haut, die das innere Körpergefühl unterstützen, schützen oder ausdrücken kann. Ein BH ist dann nicht nur ein formendes Utensil, sondern kann ein Stück sein, das ein Gefühl von Halt und Sicherheit vermittelt. Ein Slip, der nicht einschneidet, respektiert die Körpergrenzen. Die Wahl der Materialien – weich, kühl, leicht – wird zu einer Frage der sinnlichen Wahrnehmung.
Körperpositivität und Selbstakzeptanz
Die Körperpositivitäts-Bewegung fordert die Akzeptanz aller Körperformen. Lassnigs Kunst geht einen Schritt weiter: Sie umgeht die Frage der Form komplett und etabliert den *Wert des Gefühls* als neuen Maßstab. Es geht nicht darum, einen bestimmten Körpertyp „schön“ zu finden, sondern darum, die eigene physische Präsenz in all ihren Facetten – auch den unbequemen – anzuerkennen und als Quelle der Authentizität zu begreifen. Das Tragen von Kleidung wird so zu einem Akt der Selbstbeziehung, nicht der Fremddarstellung.
Praktische Tipps: Vom Kunstkonzept zur alltäglichen Praxis
Wie kann man Lassnigs „Körpergefühl“ im Alltag integrieren? Es beginnt mit Achtsamkeit:
1. Die Innenschau-Übung: Bevor Sie sich anziehen, nehmen Sie sich einen Moment. Schließen Sie die Augen. Spüren Sie, wo Ihr Körper Kontakt zum Stuhl oder Boden hat. Wo fühlen Sie Spannung, wo Entspannung? Welche Temperatur hat Ihre Haut?
2. Die Gefühlsfrage beim Anziehen: Fragen Sie sich bei jedem Kleidungsstück: „Wie fühlt sich das auf meiner Haut an? Enge ich mich ein oder gibt mir das Stück Raum? Fühle ich mich darin wie ich selbst?“
3. Dessous als Basis des Körpergefühls wählen: Beginnen Sie bei der Unterwäsche. Sie ist die erste Schicht, die Ihren Körper direkt berührt. Wählen Sie Schnitte und Materialien, die Ihre natürlichen Körperlinien unterstützen, ohne sie zu verformen oder zu verleugnen. Ein gut sitzendes, angenehmes Dessous kann das Fundament für ein positives Körpergefühl den ganzen Tag über sein.
Maria Lassnigs Werk: Von der Malerei zum Animationsfilm
Lassnigs künstlerischer Ausdruck beschränkte sich nicht auf die Leinwand. Ihr ganzheitlicher Ansatz führte sie auch zu anderen Medien, in denen sie das Körpergefühl erforschte.
Malerei und Zeichnung
Ihre Gemälde sind meist in kräftigen, expressiven Farben gehalten. Die Figuren scheinen in einem Raum der Empfindung zu schweben, oft sind sie von farbigen Auren oder Linien umgeben, die innere Energien oder Schmerzzonen visualisieren. Ihre späten Selbstporträts, oft schonungslos mit den Spuren des Alters, sind Höhepunkte ihres Schaffens – sie zeigen keine Frau, die sich dem Jugendwahn unterwirft, sondern eine, die ihre physische Existenz mit Würde und Neugierde erforscht.
Pionierarbeit im Animationsfilm
In den 1970er Jahren entdeckte Lassnig in New York den Animationsfilm für sich. Auch hier stand das Körpergefühl im Mittelpunkt. In Filmen wie „Selbstporträt“ oder „Kantate“ setzte sie ihre Zeichnungen in Bewegung um und erforschte so die Dynamik von Körperempfindungen über die Zeit. Sie war eine der ersten Künstlerinnen, die dieses Medium für eine so persönliche und philosophische Aussage nutzte.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Maria Lassnig und Körpergefühl
Wer war Maria Lassnig?
Maria Lassnig (1919–2014) war eine bedeutende österreichische Malerin, Zeichnerin und Filmemacherin. Sie gilt als eine der wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts und als Pionierin der feministischen Kunst im deutschsprachigen Raum. Ihr zentrales Thema war die Darstellung des inneren „Körpergefühls“.
Was versteht man unter Lassnigs „Körpergefühl“ oder „body awareness“?
Damit meinte Lassnig die subjektive, innere Wahrnehmung der eigenen körperlichen Empfindungen (z.B. Druck, Dehnung, Schmerz, Schwere), unabhängig vom äußeren Erscheinungsbild. Sie malte nicht, was sie sah, sondern was sie mit geschlossenen Augen in ihrem Körper fühlte.
Warum ist Maria Lassnig für die feministische Kunst wichtig?
Lassnig behauptete früh die Autorität der weiblichen Erfahrung in der Kunst. Sie thematisierte den weiblichen Körper aus der Innenperspektive, befreite ihn vom männlichen Blick und setzte sich mit Themen wie Alterung und Verletzlichkeit auseinander, die damals tabuisiert waren. Sie war eine wichtige Wegbereiterin für nachfolgende Künstlerinnengenerationen.
Welche Auszeichnungen erhielt Maria Lassnig?
Die höchste Auszeichnung war der Goldene Löwe der Biennale Venedig für ihr Lebenswerk im Jahr 2013. Zuvor hatte sie bereits den Großen Österreichischen Staatspreis und den Roswitha Haftmann-Preis, einen der höchstdotierten Kunstpreise Europas, erhalten.
Wie kann ich das Konzept des „Körpergefühls“ auf meinen Alltag übertragen?
Indem Sie bei der Kleiderwahl (besonders bei Dessous) weniger auf das äußere Spiegelbild achten und mehr auf das physische Wohlgefühl. Fragen Sie sich: Fühlt sich der Stoff angenehm an? Sitzt das Kleidungsstück, ohne zu drücken oder einzuengen? Unterstützt es mich in meiner Bewegung? Es geht um eine achtsame Beziehung zum eigenen Körper.
Hat Maria Lassnig auch figurative, „realistische“ Bilder gemalt?
Ja, aber auch ihre figurativen Werke sind stets durch das Prinzip der „body awareness“ geprägt. Die Darstellungen sind nie naturalistisch, sondern immer durch das Filter der inneren Empfindung verzerrt, gedehnt oder farblich verfremdet. Der Realismus bezieht sich auf das Gefühl, nicht auf den optischen Eindruck.
Welche Rolle spielen Farben in Lassnigs Werk?
Farben sind bei Lassnig direkte Übersetzungen von Empfindungen. Rot kann für Schmerz oder intensive Energie stehen, Blau für Kälte oder Melancholie, Gelb für Wärme oder Anspannung. Die Farbwahl ist emotional und subjektiv, nicht beschreibend.
Wo kann ich Werke von Maria Lassnig sehen?
Ihre Werke sind in vielen großen internationalen Museen zu finden, wie dem Museum of Modern Art (Mo MA) in New York oder der Tate Modern in London. In Österreich beherbergt die Albertina in Wien eine bedeutende Sammlung. Zudem gibt es das Maria Lassnig Museum in Wien, das ihrem Werk gewidmet ist.
In welchem Zusammenhang stehen Körpergefühl und Körperpositivität?
Die Körperpositivitäts-Bewegung fordert die Wertschätzung aller Körperformen von *außen*. Lassnigs „Körpergefühl“ bietet eine ergänzende, innere Perspektive: Der Wert des Körpers liegt unabhängig von seiner Form in der Tiefe und Authentizität des eigenen Empfindens. Beide Ansätze zielen auf eine Befreiung von äußeren Bewertungsmustern.
Warum ist Maria Lassnigs Werk heute so aktuell?
In einer Zeit, die von sozialen Medien und perfekt inszenierten Körperbildern geprägt ist, erinnert Lassnig an die Wahrheit und Einzigartigkeit der inneren Erfahrung. Ihr Werk ist ein Gegenentwurf zur Selbstoptimierung und ein Plädoyer für Selbstakzeptanz und Authentizität – Themen, die heute mehr denn je diskutiert werden.
Fazit: Die befreiende Kraft der inneren Wahrnehmung
Maria Lassnig hinterlässt uns mit ihrem Werk ein radikales und befreiendes Vermächtnis. In einer Welt des äußeren Scheins lädt sie uns ein, die Autorität über unseren Körper wieder nach innen zu verlegen. Ihr „Körpergefühl“ ist kein Kunstbegriff, sondern eine lebenspraktische Haltung: eine Einladung, sich selbst mit Neugier und ohne Urteil zu erspüren. Diese Haltung kann die Art und Weise, wie wir Kleidung wählen – angefangen bei den Dessous auf der Haut –, grundlegend verändern. Es geht nicht darum, einem Ideal zu entsprechen, sondern darin zu Hause zu sein, was wir sind. Lassnigs Kunst zeigt: Der wahre Ausdruck von Stärke und Schönheit beginnt mit der ehrlichen Wahrnehmung dessen, was wir fühlen. Beginnen Sie heute damit, diese einzigartige Innenschau für sich zu entdecken.
