Körpergefühl verstehen und stärken: Der Einfluss von Susie Orbach
Einleitung: Warum fühlen wir uns oft unwohl in unserer Haut?
Das Körpergefühl – die subjektive, gefühlsmäßige Wahrnehmung des eigenen Körpers – ist ein fundamentaler Pfeiler unserer psychischen und physischen Gesundheit. Dennoch wird es häufig vernachlässigt oder von äußeren Idealen überlagert. Eine der einflussreichsten Stimmen, die unser Verständnis dieses komplexen Themas geprägt hat, ist die britische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin und Autorin Susie Orbach. Seit den 1970er Jahren arbeitet sie daran, die tiefgreifenden psychosozialen Einflüsse auf unser Körpererleben zu entschlüsseln. Dieser Artikel taucht ein in die Kernideen von Orbachs Werk, stellt ihre bahnbrechende Perspektive dar und bietet einen umfassenden, praxisnahen Leitfaden, um das eigene Körpergefühl im Alltag zu kultivieren – frei von Mythen und gestützt auf faktenbasierte Erkenntnisse.
Susie Orbach: Die Pionierin eines politischen Körperverständnisses
Susie Orbach (*1946) ist keine gewöhnliche Therapeutin. Sie ist eine Schlüsselfigur der feministischen Psychologie und eine scharfe Kritikerin gesellschaftlicher Normen, die unseren Körpern auferlegt werden. Ihr bekanntestes Werk, „Fat is a Feminist Issue“ (1978), war ein Paukenschlag. Orbach argumentierte darin, dass Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimie sowie ein gestörtes Körperbild nicht primär als individuelle psychische Pathologien zu verstehen sind. Stattdessen sind sie Symptome soziokultureller Zwänge – insbesondere des allgegenwärtigen Schlankheitsdrucks und rigider Geschlechterrollen, die vor allem Frauen treffen. Sie war Mitbegründerin des „Women’s Therapy Centre“ in London und später des „Women’s Therapy Centre Institute“ in New York, Institutionen, die genau diesen kontextuellen, feministischen Therapieansatz praktisch umsetzten.
Ein wichtiger Klarstellungspunkt: Die oft kolportierte Behauptung, Susie Orbach sei „die offizielle Therapeutin von Prinzessin Diana“ gewesen, ist nicht präzise. Richtig ist, dass Orbach Diana in den 1990er Jahren zu deren Essstörungen beriet und eine ihrer Therapeutinnen war. Eine exklusive oder offizielle „Hoftherapeutin“-Position gab es jedoch nicht. Diese Korrektur unterstreicht den eigentlichen Wert ihrer Arbeit: Sie war nicht aufgrund prominenter Klient:innen einflussreich, sondern wegen der Radikalität und Tragweite ihrer Ideen.
Orbach prägte den Begriff des „body politic“ – der politischen Dimension des Körpers. Für sie ist das persönliche Körpergefühl immer auch politisch, weil es in Machtstrukturen, Wirtschaftsinteressen und Medienbilder eingebettet ist. In ihrem späteren Werk „Bodies“ (2009) analysierte sie, wie der moderne Kapitalismus und allgegenwärtige Medienbilder unsere Körperwahrnehmung formen und oft deformieren. Während dieses Buch oft als prophetisch für die Ära der sozialen Medien gelesen wird, identifizierte es diese nicht als *Hauptfaktor* – diese explizite Zuspitzung entwickelte sich in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte erst in den Folgejahren. Orbachs Verdienst war es, das theoretische Fundament dafür gelegt zu haben.
Die Relevanz von Orbachs Arbeit im deutschsprachigen Raum
In Deutschland und der Schweiz ist Susie Orbachs Werk vor allem in Fachkreisen der Psychologie, Psychotherapie, Soziologie und Gender Studies bekannt, oft durch Übersetzungen ihrer Bücher. Ihre Konzepte fließen in die Ausbildung von Therapeut:innen ein, insbesondere in denen, die einen systemischen oder gesellschaftskritischen Ansatz verfolgen. In der klinischen Praxis zur Behandlung von Essstörungen wird ihr Ansatz oft integriert, indem nicht nur das individuelle Verhalten, sondern auch die gesellschaftlichen „Nährböden“ der Störung thematisiert werden. Adaptierte Konzepte finden sich in der körperorientierten Psychotherapie und in Beratungsstellen, die zu Themen wie Körperbild und Selbstakzeptanz arbeiten.
Aktuell (Stand 2023/24) meldet sich Orbach weiterhin zu Wort und kommentiert zeitgenössische Entwicklungen wie die „Body Positivity“-Bewegung. Sie begrüßt deren Anliegen, kritisiert aber gleichzeitig deren oftmals kommerzialisierte und vereinnahmte Ausprägungen. Auch zur „Influencer-Kultur“ und der scheinbaren Diversität von Körperbildern in den Medien äußert sie sich skeptisch: Oft würden neue, ebenso enge Ideale alte ersetzen, ohne die zugrundeliegenden Mechanismen der Vermarktung und des Vergleichs zu durchbrechen.
Ein vollständiger Leitfaden zur Stärkung Ihres Körpergefühls – inspiriert von Orbachs Prinzipien
Susie Orbachs Arbeit liefert weniger eine starre „Methode“ als vielmehr eine grundlegende Haltung: Unser Körper ist kein Objekt, das es zu optimieren gilt, sondern ein subjektiver Erfahrungsraum, der in einem sozialen Kontext steht. Die folgenden Aspekte und Übungen übersetzen diese Haltung in die Praxis.
Aspekt 1: Selbstwahrnehmung jenseits des Blickurteils
Der erste und wichtigste Schritt ist eine Verschiebung der Wahrnehmung: weg vom bewertenden *Sehen* („Wie sehe ich aus?“) hin zum spürenden *Fühlen* („Wie fühle ich mich?“). Orbach betont die „Körperwahrnehmung von innen“. Dies bricht den Kreislauf der Externalisierung, bei dem wir unseren Körper ständig aus einer imaginären Außenperspektive beurteilen.
- Geführte Körperreise: Legen Sie sich bequem hin. Schließen Sie die Augen und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit nacheinander auf verschiedene Körperteile – beginnend bei den Zehen bis zur Kopfhaut. Spüren Sie einfach, ohne etwas zu verändern. Gibt es Wärme, Kribbeln, Schwere, Leichtigkeit?
- Atem-Anchor: Nehmen Sie mehrmals täglich für 1-2 Minuten bewusst Ihren Atem wahr. Spüren Sie, wie sich Brustkorb und Bauch heben und senken. Dies verankert Sie im gegenwärtigen Moment und im Körper.
- Empfindungs-Tagebuch: Notieren Sie nicht, wie Ihr Körper *aussah*, sondern wie er sich anfühlte. „Heute fühlten sich meine Schultern verspannt an.“ oder „Nach dem Spaziergang war ein angenehmes Pulsieren in den Beinen spürbar.“ Dies trainiert die innere Wahrnehmung.
Aspekt 2: Bewegung als Dialog, nicht als Disziplin
Für Orbach sollte Bewegung ein Akt der Selbstfürsorge und des Ausdrucks sein, nicht der Bestrafung oder der Anpassung an ein Ideal. Es geht um die Freude an der Bewegung selbst und die dabei empfundenen kinästhetischen Empfindungen.
- Freude priorisieren: Fragen Sie sich: Welche Bewegung macht mir *wirklich* Spaß? Das könnte Tanzen zu Lieblingsmusik, Waldspaziergänge, Schwimmen, Yoga oder spielerisches Dehnen sein. Die Regelmäßigkeit entsteht aus der Freude, nicht aus Pflicht.
- Wahrnehmungsfokus: Konzentrieren Sie sich während der Bewegung auf die inneren Signale. Wie fühlt sich der Muskeleinsatz an? Der Rhythmus? Die Atmung? Lenken Sie den Fokus weg von Kalorienverbrauch oder äußerer Form.
- Vielfalt entdecken: Der Körper liebt Abwechslung. Probieren Sie ruhige und dynamische, kraftvolle und sanfte Aktivitäten aus. Jede bietet ein anderes Körpergefühl.
Aspekt 3: Kleidung als zweite Haut – Komfort und Authentizität
Kleidung ist laut Orbach eine „non-verbale Kommunikation“ mit uns selbst und der Welt. Die Wahl der Kleidung kann unser inneres Körpergefühl entweder unterstützen oder untergraben. Hier schließt sich der Kreis zur gesellschaftlichen Kritik: Die Mode- und insbesondere die Dessous-Branche vermarktet oft sehr enge, unrealistische Körperideale, die zu einem Gefühl des „Nicht-Passens“ führen. Orbachs Ansatz ermutigt zu einer bewussten Rebellion dagegen.
- Komfort als König: Wählen Sie Kleidung, die Ihren Körper unterstützt und ihm Freiheit lässt. Enge, einschnürende Kleidung sendet ständige Druck-Signale an das Gehirn und kann Unwohlsein erzeugen.
- Materialität spüren: Achten Sie auf die haptische Qualität der Stoffe. Weiche Baumwolle, fließende Seide, wärmender Wollwalk – wie fühlen sich diese Materialien auf Ihrer Haut an? Welche unterstützen Ihr Wohlgefühl?
- Unterwäsche neu denken: Investieren Sie in Unterwäsche, die perfekt passt und sich gut anfühlt – nicht in Stücke, die den Körper in eine gewünschte Form zwängen. Ein passender, bequemer BH oder ein Slip, der nicht einschneidet, sind fundamental. Selbst ein attraktiver String sollte in erster Linie getragen werden, weil er sich gut *anfühlt*, nicht nur, weil er einem ästhetischen Ideal entspricht. Dies ist eine direkte praktische Anwendung von Orbachs Kritik an vermarkteten Körpernormen.
Praktische Tipps für den Alltag: Vom Körperpolitischen zum Persönlichen
- Medienkonsum kuratieren: Hinterfragen Sie aktiv, wem Sie in sozialen Medien folgen. Fördern diese Accounts Ihr Körpergefühl oder lösen sie Vergleich und Unzufriedenheit aus? Folgen Sie stattdessen Accounts, die Körpervielfalt feiern und einen inneren Fokus fördern.
- Sprachbewusstsein schärfen: Achten Sie auf Ihre innere und äußere Sprache über Ihren Körper. Ersetzen Sie abwertende Kommentare („meine dicken Oberschenkel“) durch neutrale oder wertschätzende Beschreibungen („meine kräftigen Beine, die mich tragen“).
- Pausen der Verbindung: Integrieren Sie kurze „Check-in“-Pausen im Tag. Atmen Sie dreimal tief durch und fragen Sie: „Wie fühlt sich mein Körper in diesem Moment gerade an?“
- Gemeinschaft suchen: Tauschen Sie sich mit Menschen aus, die einen ähnlichen Weg gehen. Reden Sie über Körpergefühle jenseits von Aussehen und Diäten. Dies bricht das Tabu und die Isolation.
- Kontext verstehen: Machen Sie sich bewusst: Wenn Sie sich unwohl fühlen, fragen Sie sich nicht nur „Was stimmt mit mir nicht?“, sondern auch „Welche äußeren Bedingungen (Stress, Medienbilder, Kommentare) tragen gerade zu diesem Gefühl bei?“. Dies ist die Kernfrage der Orbach’schen Perspektive.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Körpergefühl und Susie Orbach
Was ist Körpergefühl genau und warum ist es so wichtig?
Körpergefühl ist die subjektive, gefühlsmäßige Wahrnehmung und das Erleben des eigenen Körpers von *innen*. Es umfasst Empfindungen wie Spannung, Entspannung, Energie, Müdigkeit, Wohlbefinden oder Unbehagen. Es ist fundamental für die psychische Gesundheit, da es die Grundlage für Selbstwirksamkeit, Stressregulation und ein authentisches Selbstbild bildet. Ein gestörtes Körpergefühl ist ein zentraler Faktor bei Essstörungen, Angststörungen und Depressionen.
Wie unterscheidet sich Susie Orbachs Ansatz von anderen Therapieformen?
Orbachs Ansatz ist grundlegend politisch und gesellschaftskritisch. Während viele Therapien Körperunzufriedenheit als individuelles Problem behandeln, betont Orbach, dass es sich um ein gesellschaftlich produziertes Symptom handelt. Ihre Therapie zielt daher nicht nur auf innere Veränderung, sondern auch auf das kritische Verständnis und die Infragestellung äußerer Normen ab. Sie kombiniert psychoanalytische Einsichten mit feministischer Gesellschaftskritik.
Kann ich die Prinzipien von Susie Orbach selbstständig anwenden?
Ja, viele Grundprinzipien eignen sich hervorragend für die Selbstanwendung. Insbesondere die Schulung der inneren Wahrnehmung (Achtsamkeit für Körperempfindungen), die kritische Reflexion des Medienkonsums und die bewusste, komfortorientierte Kleidungswahl sind Bereiche, die Sie eigenständig gestalten können. Bei tiefsitzenden Körperbildstörungen oder Essstörungen ist jedoch stets die Begleitung durch eine professionelle Therapeutin oder einen Therapeuten zu empfehlen.
Welche Bücher von Susie Orbach sind besonders empfehlenswert zum Einstieg?
Der klassische Einstieg ist „Fat is a Feminist Issue“ (dt. „Figur – Ein weibliches Schicksal?“), das ihre grundlegende These darlegt. „Bodies“ (dt. „Körperaussagen“) bietet eine tiefgehende Analyse des Körpers im modernen Kapitalismus. „The Impossibility of Sex“ gibt Einblick in ihre therapeutische Haltung. Viele ihrer zentralen Essays sind auch in deutschsprachigen Sammelbänden zu feministischer Psychologie zu finden.
Wie lange dauert es, ein positiveres Körpergefühl zu entwickeln?
Die Entwicklung eines stabilen, positiven Körpergefühls ist ein lebenslanger Prozess und kein Ziel, das man „erreicht“. Es geht um die kontinuierliche Praxis, den Körper von innen zu spüren und äußere Bewertungen zu relativieren. Erste Entlastung und neue Erfahrungen können sich schon nach wenigen Wochen regelmäßiger Übung einstellen. Die tiefe Verankerung eines neuen, freundlicheren Körperverständnisses braucht jedoch oft Monate oder Jahre, da es die Entprogrammierung jahrzehntelang internalisierter Botschaften bedeutet.
Was kritisiert Susie Orbach an der heutigen Body-Positivity-Bewegung?
Orbach unterstützt das Anliegen, schätzt aber kritisch ein, dass die Bewegung oft von kommerziellen Interessen vereinnahmt wird („Kauf dich positiv!“). Sie warnt davor, dass sich das Problem lediglich verschieben kann: Von der Pflicht, dünn zu sein, zur Pflicht, sich ständig selbstbewusst und „positiv“ zu fühlen. Ihr Ansatz ist weniger auf „Positivität“ als auf eine neutrale, akzeptierende und *realistische* Wahrnehmung des Körpers in all seinen Zuständen gerichtet.
Welche Rolle spielt das Körpergefühl in zwischenmenschlichen Beziehungen?
Ein sicheres Körpergefühl ist die Basis für authentische Begegnungen. Wer sich in seinem Körper präsent und zuhause fühlt, kann besser Grenzen setzen, Nähe zulassen und nonverbal selbstbewusst kommunizieren. Umgekehrt kann ein gestörtes Körpergefühl zu sozialem Rückzug, Scham und Schwierigkeiten mit Intimität führen, da die ständige Selbstbeobachtung den Kontakt zum Gegenüber blockiert.
Ist ein gutes Körpergefühl dasselbe wie Selbstliebe?
Nicht ganz, aber es ist ein essenzieller Teil davon. Selbstliebe ist ein breiteres Konzept, das Werte, Erfolge, Persönlichkeit umfasst. Körpergefühl ist die spezifische,
