Thrombosestrümpfe richtig anziehen: Anleitung, Tipps & häufige Fehler
Thrombosestrümpfe, korrekt als medizinische Kompressionsstrümpfe bezeichnet, sind ein zentraler Baustein in der Prävention und Therapie von Venenerkrankungen. Ihr korrekter Umgang – vom Anziehen bis zur Pflege – ist entscheidend für den Therapieerfolg. Dieser umfassende Leitfaden klärt über die richtige Anwendung auf, korrigiert verbreitete Irrtümer und liefert wertvolle Praxistipps für den Alltag.
Was sind Thrombosestrümpfe und wozu dienen sie?
Thrombosestrümpfe sind medizinische Hilfsmittel, die durch ihr spezielles Gestrick einen genau definierten Druck auf die Beinvenen ausüben. Dieser Druck ist am Fußknöchel am höchsten und nimmt zum Oberschenkel hin kontinuierlich ab. Dadurch wird der venöse Rückfluss des Blutes zum Herzen beschleunigt, Stauungen (Ödeme) werden reduziert und das Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln (Thrombosen) gesenkt. Sie kommen vor allem nach Operationen, bei langer Immobilität (z.B. Bettlägerigkeit) oder bei diagnostizierten Venenerkrankungen zum Einsatz.
Wichtige Unterscheidung: Thrombosestrümpfe zur Prophylaxe oder Therapie sind nicht dasselbe wie Stützstrümpfe. Es handelt sich um Medizinprodukte mit einer genau normierten Kompressionswirkung (meist Klasse 2 oder 3), die einer ärztlichen Verordnung (Rezept) und fachgerechten Anpassung bedürfen. Stützstrümpfe (Kompression der Klasse 1) haben einen geringeren Druck und dienen primär dem Wohlbefinden bei müden Beinen, nicht der medizinischen Thromboseprophylaxe.
Wer benötigt medizinische Kompressionsstrümpfe? Die wichtigsten Indikationen
Die Verordnung erfolgt immer durch einen Arzt, basierend auf einer individuellen Risikobewertung. Zu den typischen Indikationen und Risikofaktoren gehören:
- Postoperative Phase (nach orthopädischen, gynäkologischen oder anderen größeren Operationen)
- Längere Ruhigstellung (z.B. Gipsverbände, Bettruhe)
- Bestehende chronische Venenschwäche (Chronisch-venöse Insuffizienz, CVI)
- Zustand nach tiefer Venenthrombose (TVT) oder Lungenembolie
- Stark ausgeprägte Krampfaderbildung (Varikosis)
- Lymphödeme
- Spezielle Risikofaktoren wie Adipositas, Rauchen, Einnahme hormoneller Verhütungsmittel (Pille), Krebserkrankungen oder eine positive Familienanamnese für Thrombosen.
Die Kompressionsklassen: Welcher Druck ist der richtige?
Medizinische Kompressionsstrümpfe werden in vier standardisierte Klassen eingeteilt, gemessen in Millimeter Quecksilbersäule (mm Hg) am Fußknöchel:
- Klasse 1 (18-21 mm Hg): Leichte Kompression. Bei beginnender Venenschwäche, leichten Krampfadern, müden, schweren Beinen und leichten Schwellungen.
- Klasse 2 (23-32 mm Hg): Mittelstarke Kompression. Die Standardklasse zur Thromboseprophylaxe nach Operationen und bei Immobilität. Auch bei ausgeprägten Krampfadern, nach abgeheilter Thrombose oder mittelschweren Ödemen.
- Klasse 3 (34-46 mm Hg): Starke Kompression. Bei schwerer chronisch-venöser Insuffizienz, postthrombotischem Syndrom, starken Ödemen und Lymphödemen.
- Klasse 4 (über 49 mm Hg): Sehr starke Kompression. Bei ausgeprägten Lymphödemen und schwersten phlebologischen Krankheitsbildern.
Die Auswahl der richtigen Klasse obliegt dem Arzt. Eine falsche Selbstauswahl kann gesundheitsschädlich sein.
Vor dem Anziehen: Die richtige Vorbereitung
Ein erfolgreiches Anlegen beginnt mit der Vorbereitung:
- Morgens anziehen: Legen Sie die Strümpfe idealerweise morgens nach dem Aufstehen an. Die Beine sind dann noch nicht geschwollen, was das Anziehen erleichtert und die optimale Wirkung gewährleistet.
- Hautpflege: Die Haut sollte trocken und sauber sein. Verwenden Sie eine pflegende, rückfettende Lotion, die vollständig eingezogen ist (mindestens 5-10 Minuten vor dem Anziehen auftragen). Talkumpuder kann bei feuchter Haut helfen. Vermeiden Sie ölhaltige Produkte, da sie das Material schädigen können.
- Kontrolle: Prüfen Sie Strümpfe und Beine auf Schmutz, Feuchtigkeit oder scharfe Kanten an Nägeln, Händen oder Füßen, die das feine Gestrick beschädigen könnten.
- Hilfsmittel bereitlegen: Besorgen Sie sich bei Bedarf eine Anziehhilfe (z.B. einen Gleitsocke aus Seide oder Nylon, einen Anziehrahmen oder spezielle Handschuhe). Diese erleichtern den Vorgang erheblich und schonen das Material.
Schritt-für-Schritt-Anleitung: Thrombosestrümpfe richtig anziehen
Geduld und Technik sind der Schlüssel. Hetzen Sie nicht.
Für Strumpfhalter und wadenlange Strümpfe:
- Stülpen: Stülpen Sie den Strumpf von der Ferse bis zum Fußspann komplett um, sodass die Fersenpartie wie ein „Tasche“ vorliegt.
- Fuß einführen: Setzen Sie den Fuß ein und ziehen Sie die Fersenpartie sorgfältig über die Ferse. Achten Sie darauf, dass die Ferse genau in der dafür vorgesehenen Fersenkammer sitzt.
- Strumpf hochziehen: Greifen Sie in den umgestülpten Bund und ziehen Sie den Strumpf langsam und gleichmäßig über die Ferse und die Wade hoch. Verteilen Sie den Stoff dabei gleichmäßig, ohne zu zerren.
- Glatt streichen: Streichen Sie den Strumpf nach dem Hochziehen von unten nach oben glatt, um Falten zu vermeiden. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Bereichen um die Knöchel und in den Kniekehlen.
Für Schenkelstrümpfe und Strumpfhosen:
- Führen Sie die Schritte 1-3 wie oben beschrieben durch.
- Bevor Sie den Strumpf über das Knie ziehen, positionieren Sie die Ferse und die Wade perfekt.
- Ziehen Sie den Strumpf gleichmäßig über das Knie und den Oberschenkel. Bei Strumpfhosen ziehen Sie das zweite Bein an, bevor Sie den Bund bis zur Taille hochziehen.
- Der Bund sollte bequem in der Leiste bzw. an der Taille sitzen, ohne einzuschneiden oder zu rutschen. Bei Schenkelstrümpfen muss der Oberschengelbund mit dem hautfreundlichen Silikonstreifen faltenfrei anliegen.
Goldene Regel: Der Strumpf muss absolut faltenfrei sitzen. Schon kleine Falten können unangenehmen Druck ausüben und die Durchblutung behindern oder sogar Druckstellen verursachen.
Häufige Fehler beim Anziehen und Tragen
- Fehler 1: Abends oder bei geschwollenen Beinen anziehen. Korrektur: Immer morgens anlegen, wenn die Beine am schlanksten sind.
- Fehler 2: Den Strumpf am Bund hochziehen. Korrektur: Dies führt zu Überdehnung und Materialschäden. Immer von der Fußspitze her aufrollen und von unten nach oben anziehen.
- Fehler 3: Falten in Kauf nehmen. Korrektur: Jede Falte stört die Druckverteilung. Strumpf unbedingt glatt streichen.
- Fehler 4: Strümpfe nachts tragen. Korrektur: Zur Thromboseprophylaxe werden die Strümpfe in der Regel tagsüber getragen und nachts abgelegt, es sei denn, der Arzt hat ausdrücklich etwas anderes verordnet (z.B. bei aktiver Thrombose oder Lymphödem).
- Fehler 5: Falsche Pflege. Korrektur: Waschen bei 40°C, kein Weichspüler, schonender Schleudergang und liegend trocknen. So bleibt die Kompressionswirkung erhalten.
Praktische Tipps & Anziehhilfen
Das Anziehen kann gerade zu Beginn eine Herausforderung sein. Diese Hilfen erleichtern den Prozess:
- Gleitsocken oder -handschuhe: Reduzieren die Reibung zwischen Hand und Strumpf.
- Anziehrahmen (z.B. von medi oder Juzo): Der Strumpf wird über einen Rahmen gespannt, in den man den Fuß stellt. Durch Hochziehen der Griffe gleitet der Strumpf fast von allein über das Bein. Ideal bei eingeschränkter Beweglichkeit.
- Rutschfeste Handschuhe: Bieten besseren Grip.
- Pflegeprodukte: Spezielle Anziehsprays können das Material kurzzeitig gleitfähiger machen.
Lassen Sie sich im Sanitätshaus zu den für Sie geeigneten Hilfsmitteln beraten.
Pflege und Reinigung: So halten Ihre Thrombosestrümpfe länger
Eine sorgfältige Pflege ist essenziell, um die Kompressionswirkung und Haltbarkeit (in der Regel 6 Monate) zu erhalten.
- Täglich waschen: Waschen Sie die Strümpfe idealerweise nach jedem Tragen von Hand oder im Schonwaschgang der Maschine bei max. 40°C.
- Mildes Waschmittel: Verwenden Sie ein flüssiges, mildes Waschmittel für Feinwäsche.
- Kein Weichspüler: Weichspüler verstopfen die Fasern und zerstören die Kompressionswirkung.
- Schonend trocknen: Trocknen Sie die Strümpfe liegend auf einem Handtuch, niemals auf der Heizung, im Trockner oder in direkter Sonne. Hitze schädigt das Elastan.
- Reservepaar: Besitzen Sie immer zwei Paar, um sie im Wechsel tragen und pflegen zu können.
Wann zum Arzt? Wichtige Warnsignale
Kontaktieren Sie umgehend Ihren Arzt, wenn beim Tragen der Strümpfe folgende Symptome auftreten:
- Anhaltende, starke Schmerzen oder ein ungewöhnliches Engegefühl
- Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Blauverfärbung der Zehen/Füße
- Neu aufgetretene, einseitige Schwellungen
- Hautrötungen, -reizungen, Blasen oder offene Stellen
- Wenn der Strumpf trotz korrekter Technik ständig rutscht oder einschneidet
Diese Anzeichen können auf eine falsche Passform, eine allergische Reaktion oder eine verschlechterte Grunderkrankung hinweisen.
Thromboseprophylaxe: Ein Gesamtkonzept
Thrombosestrümpfe sind wirksam, aber meist nur ein Teil eines umfassenden Konzepts. Ergänzende Maßnahmen sind:
- Frühe Mobilisation: So bald wie möglich nach Operationen aufstehen und gehen.
- Beinhochlagerung: Im Liegen die Beine höher als das Herz lagern.
- Ausreichend Trinken: Gute Hydration hält das Blut flüssig.
- Venen-Gymnastik: Regelmäßige Übungen wie Fußwippen oder -kreisen aktivieren die Muskelpumpe.
- Medikamente: In vielen Fällen werden zusätzlich gerinnungshemmende Medikamente (z.B. Heparin-Spritzen) verordnet.
Thrombosestrümpfe auf Reisen: Was ist zu beachten?
Die pauschale Aussage „Jeder sollte auf Langstreckenflügen Thrombosestrümpfe tragen“ ist falsch. Für gesunde Menschen ohne Risikofaktoren sind Bewegung, ausreichendes Trinken und eventuell Stützstrümpfe (Klasse 1) die Empfehlung. Medizinische Kompressionsstrümpfe (Klasse 2) werden für Reisende mit individuell erhöhtem Thromboserisiko empfohlen. Lassen Sie sich hierzu von Ihrem Arzt beraten.
FAQ: Häufige Fragen zu Thrombosestrümpfen
Kann ich mir Thrombosestrümpfe einfach in der Apotheke kaufen?
Nein. Medizinische Kompressionsstrümpfe der Klassen 2 bis 4 sind in Deutschland apotheken- und verschreibungspflichtig. Sie benötigen ein Rezept vom Arzt. Einfache Stützstrümpfe (Klasse 1) sind frei verkäuflich, haben aber keine therapeutische Wirkung zur Thromboseprophylaxe.
Wie lange muss ich die Strümpfe täglich tragen?
Die Tragezeit richtet sich nach der ärztlichen Verordnung. Zur postoperativen Prophylaxe werden sie in der Regel über den gesamten Tag (und Nacht, wenn mobil) bis zur vollständigen Mobilisation getragen, oft über mehrere Wochen. Bei chronischen Venenerkrankungen kann die Dauertherapie tagsüber notwendig sein.
Meine Strümpfe rutschen. Was kann ich tun?
Rutschen ist oft ein Zeichen für falsche Größe, abgenutzte Materialien oder eine veränderte Beinform (Abnahme von Schwellungen). Lassen Sie die Passform im Sanitätshaus überprüfen. Für Schenkelstrümpfe gibt es spezielle Haftcremes oder -sprays für den Oberschenkelbund. Ein Strumpfgürtel kann bei Strumpfhosen helfen.
Darf ich die Strümpfe zum Duschen anbehalten?
Nein. Kompressionsstrümpfe sollten vor dem Duschen, Baden oder Schwimmen ausgezogen werden. Nasse Strümpfe trocknen nur langsam auf der Haut, was zu Hautirritationen führen kann. Spezielle Dusch- und Badehilfen oder wasserfeste Kompressionsversorgungen sind für solche Fälle erhältlich.
