Wann gab es die erste Feinstrumpfhose? Die wahre Geschichte eines Moderevolutions
Die Frage nach der ersten Feinstrumpfhose führt uns in eine der spannendsten Epochen der Modegeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie ist eine Geschichte von technischer Innovation, gesellschaftlichem Wandel und einem Kleidungsstück, das die Freiheit der Frauen buchstäblich mit Bein zeigte. Entgegen weit verbreiteter Annahmen war die erste kommerziell erfolgreiche Feinstrumpfhose kein deutsches, sondern ein amerikanisches Produkt, das 1959 auf den Markt kam. Dieser Artikel korrigiert die Mythen, erzählt die wahre Pioniergeschichte und zeigt, wie Nylon, der Minirock und der Twist-Tanz die Beinmode für immer veränderten.
Die Grundvoraussetzung: Die Erfindung des Nylons
Ohne eine bestimmte chemische Erfindung gäbe es keine Feinstrumpfhose, wie wir sie kennen: Nylon. 1935 gelang dem Chemiker Wallace Carothers im Labor des amerikanischen Chemiekonzerns Du Pont die Synthese der ersten vollsynthetischen Faser. Diese Faser war reißfest, elastisch, glänzend und konnte in hauchdünnen Fäden gesponnen werden – die ideale Basis für Strumpfwaren. 1939 wurden auf der Weltausstellung in New York die ersten Nylonstrümpfe der Öffentlichkeit präsentiert und lösten einen wahren Begeisterungssturm aus. „Nylons“ wurden in den USA ab 1940 zum Verkaufsschlager. Diese ersten Modelle waren jedoch ausschließlich einzelne Strümpfe, die mit einem Strumpfhaltergürtel befestigt werden mussten.
Die Nachkriegszeit: Strümpfe ja, Strumpfhosen nein
Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte auch in Deutschland großer Mangel. Die begehrten Nylonstrümpfe, die hier unter dem Markennamen „Perlon“ der Firma Bayer vertrieben wurden, waren kaum verfügbar. Die ersten westdeutschen Perlonstrümpfe kamen erst 1948/49 in den Handel und waren ein Symbol für den beginnenden Wohlstand. Es handelte sich dabei jedoch durchweg um Einzelstrümpfe. Die Idee einer nahtlosen, die Beine und den Po bedeckenden Hose aus diesem feinen Material war technologisch noch nicht umsetzbar und entsprach auch nicht der modischen Nachfrage, da die Röcke noch lang waren.
Der entscheidende Durchbruch: Das Jahr 1959
Das Geburtsjahr der modernen Feinstrumpfhose ist eindeutig 1959. Zwei parallele Entwicklungen, eine in den USA und eine in Deutschland, führten zum Erfolg.
Die amerikanische Pionierleistung: „Panti-Legs“ von Glen Raven Mills
Die erste kommerziell auf den Markt gebrachte Feinstrumpfhose stammt aus den USA. Allen Gant, Senior bei der Textilfirma Glen Raven Mills in North Carolina, ließ sich von einem praktischen Problem seiner Frau inspirieren. Auf der Suche nach einer bequemeren Alternative zum Strumpfhalter ließ er zwei Nylonstrümpfe an einer Baumwollunterhose fest annähen. Dieses Prototyp gefiel nicht nur seiner Frau, sondern auch Geschäftspartnern. Glen Raven Mills entwickelte das Konzept weiter und brachte noch 1959 die ersten „Panti-Legs“ auf den Markt. Es handelte sich zunächst um eine Art „Strumpfhose zum Anknöpfen“, bei der die Strumpfteile an einen Höschenbund geknöpft werden konnten, aber der Durchbruch war geschafften.
Die deutsche Antwort: Nahtlose Rundstrickung bei Bayer und Falke
Unabhängig davon forschte man auch in Deutschland an einer echten, nahtlosen Lösung. Bei der Firma Bayer, dem Hersteller der Perlon-Faser, experimentierte Ernest G. Rice an einer Methode, Feinstrumpfhosen rund und nahtlos zu stricken. Diese technologische Innovation war der Schlüssel zur Massenproduktion. Fast zeitgleich griff die deutsche Traditionsmarke Falke diese Entwicklung auf. Falke brachte 1959/1960 eine der ersten nahtlosen Feinstrumpfhosen auf den deutschen Markt und wurde so zum prägenden Pionier in Deutschland – wenn auch nicht zum allerersten weltweit. Kurz darauf, 1962, folgte die Marke schiesser mit einer eigenen Entwicklung. Die Ära der geknöpften oder gestrickten Kombinationen aus Unterhose und Strümpfen ging damit zu Ende.
Der Motor der Verbreitung: Mode, Musik und Jugendkultur
Die technische Möglichkeit allein hätte die Feinstrumpfhose nicht zum Massenartikel gemacht. Den entscheidenden kulturellen Schub gaben drei Faktoren:
- Der Twist: Der ab 1960 populäre Tanzstil war wild und beinfrei. Herkömmliche Strumpfhalter und Strumpfbänder rutschten, knöpften sich auf oder rissen. Die Strumpfhose war die perfekte, praktische und diskrete Lösung für die tanzende Jugend.
- Der immer kürzere Rock: Die Modedesignerin Mary Quant in London gilt als Mutter des Minirocks. Ab etwa 1964/65 wurden die Röcke radikal kürzer. Bei solchen Röcken war ein Strumpfhaltergürtel oft sichtbar und galt als äußerst unschicklich. Die nahtlose Strumpfhose wurde zum unverzichtbaren Begleiter des Minirocks und zum Symbol der „Swinging Sixties“.
- Die Befreiung von der Korsett-Ära: Die Strumpfhose befreite die Frauen endgültig von den einschnürenden und komplizierten Strumpfhaltern. Sie stand für eine neue, unbeschwerte und aktive Lebensweise.
Die technologische Revolution: Die Rundstrickmaschine
Hinter den Kulissen war es die Weiterentwicklung der Rundstrickmaschine zur nahtlosen Fertigung, die den Preis senkte und die Qualität steigerte. Diese Maschinen stricken die Strumpfhose in einem einzigen, zylindrischen Arbeitsgang, beginnend am Bund bis zu den Zehenspitzen. Diese Technik ermöglichte erst die Produktion von Millionen von gleichmäßigen, bequemen und ästhetisch ansprechenden Feinstrumpfhosen, die den globalen Bedarf decken konnten.
Von der Feinstrumpfhose zur modernen Leggings
Die Erfindung von 1959 legte den Grundstein für eine ganze Kategorie von Beinbekleidung. In den 1970er und 80er Jahren kamen bunte und gemusterte Strumpfhosen in Mode. Mit der Entwicklung neuer Materialien wie Mikrofaser und Elasthan (Lycra) wurden Strumpfhosen noch widerstandsfähiger, formbeständiger und bequemer. Aus der ursprünglichen Feinstrumpfhose entwickelten sich später die Leggings, die heute ein fester Bestandteil der Alltagsmode sind. Der evolutionäre Bogen reicht also von den geknöpften „Panti-Legs“ bis zur modernen Yoga-Legging.
Fazit: Eine Erfindung mit doppelter Wurzel
Die erste Feinstrumpfhose im modernen Sinne kam 1959 auf den Markt. Ihre Geschichte hat eine doppelte Wurzel: Die kommerzielle Urheberschaft liegt bei der amerikanischen Firma Glen Raven Mills mit ihren „Panti-Legs“. Die entscheidende technologische Verfeinerung der nahtlosen Rundstrickung trieben deutsche Akteure wie Bayer und Marken wie Falke voran, die das Produkt kurz darauf für den europäischen Markt perfektionierten. Getragen wurde diese Innovation jedoch von einer gesellschaftlichen Revolution. Erst die aufkommende Jugendkultur, neue Tanzstile und der kesse Minirock von Mary Quant machten aus der praktischen Erfindung ein weltweites Symbol für weibliche Freiheit und Modernität. Die Feinstrumpfhose ist damit ein perfektes Beispiel dafür, wie Technik und Kultur gemeinsam Geschichte schreiben.
FAQ: Häufige Fragen zur ersten Feinstrumpfhose
Wer hat die erste Feinstrumpfhose wirklich erfunden?
Die erste kommerziell erfolgreiche Feinstrumpfhose wurde 1959 von der US-amerikanischen Textilfirma Glen Raven Mills unter dem Namen „Panti-Legs“ auf den Markt gebracht. Die entscheidende Innovation der nahtlosen Rundstrickung wurde parallel dazu in Deutschland von Ernest G. Rice bei Bayer entwickelt und von Marken wie Falke umgesetzt.
Stimmt es, dass Falke die erste Feinstrumpfhose hergestellt hat?
Nein, das ist ein verbreiteter Irrtum. Falke war ein sehr früher und äußerst bedeutender Pionier auf dem deutschen und europäischen Markt und brachte 1959/60 eine der ersten nahtlosen Feinstrumpfhosen in Deutschland heraus. Der allererste kommerzielle Vorreiter war jedoch das amerikanische Unternehmen Glen Raven Mills.
Was hat die Strumpfhose so populär gemacht?
Drei Hauptfaktoren trieben die Popularität: 1) Der Twist-Tanz, bei dem herkömmliche Strumpfhalter versagten. 2) Die aufkommende Minirock-Mode von Designern wie Mary Quant, bei der Strumpfhalter unpraktisch und sichtbar waren. 3) Das neue Lebensgefühl der 1960er Jahre, das nach praktischer, bequemer und freizügigerer Kleidung verlangte.
Gab es vor 1959 schon Strumpfhosen?
Ja, aber nicht in der Form der modernen Feinstrumpfhose. Es gab seit langem wollene oder baumwollene Strumpfhosen für Kinder, Sport oder als wärmende Unterwäsche. Auch Kombinationen aus Unterhose und angenähten Strümpfen („Strumpfhosen zum Knöpfen“) existierten. Der revolutionäre Schritt 1959 war die Kombination aus nahtloser Stricktechnik und dem hauchdünnen, ästhetischen Material Nylon/Perlon.
Wann kamen Nylonstrümpfe in Deutschland nach dem Krieg in die Läden?
Die ersten westdeutschen Nylon- bzw. Perlonstrümpfe kamen erst 1948/49 in den Handel. In der unmittelbaren Nachkriegszeit herrschte großer Mangel an synthetischen Fasern. Diese ersten Modelle waren ausschließlich einzelne Strümpfe, keine Strumpfhosen.
Welche Rolle spielte Mary Quant für die Strumpfhose?
Die britische Designerin Mary Quant war indirekt eine der wichtigsten Förderinnen der Strumpfhose. Ihr Minirock, den sie ab Mitte der 1960er Jahre populär machte, machte die Strumpfhose zum unverzichtbaren Mode-Accessoire. Sie trug maßgeblich dazu bei, dass die Strumpfhose vom praktischen Unterzieh-Artikel zu einem sichtbaren, modischen Statement wurde.
Was war der größte technische Fortschritt bei der Herstellung?
Die Entwicklung und Perfektionierung der nahtlosen Rundstrickmaschine. Diese Maschinen konnten die gesamte Strumpfhose in einem Stück und ohne störende Seitennähte produzieren. Dies verbesserte den Tragekomfort, die Optik und die Haltbarkeit enorm und senkte gleichzeitig die Produktionskosten für die Massenherstellung.
